Unfall in Italien

Publiziert am 07.02.2011

Auffahrunfall in L’Aquila im Juni 2009 bei ca. 68.000 km

Ein irrer Kamikaze-Itaka auf seinem Feuerstuhl

Am Tag vor dem Unfall fuhr ich auf einer übersichtlichen italienischen Landstraße auf meiner Fahrspur äußerst links, um das vor mir fahrende Auto nach den entgegenkommenden Fahrzeugen zu überholen. Da rauschte auf meiner rechten Seite ein irrer Itaka auf seinem Bike vorbei und drängte sich dann zwischen mich und dem vorausfahrenden Auto. Ich war dermaßen erschrocken, daß ich nicht mal mehr den Hupenknopf fand. Seither blickte ich relativ häufig in beide Spiegel.

Vom Nationalpark Gran Sasso nach L’Aquila: Krach! Bumm! Peng!

Es war nach 16 Uhr und erst der dritte Tag meiner Tour, die mich runter nach Sizilien führen sollte. Ich fuhr aus dem Nationalpark Gran Sasso kommend, von Westen her auf der Strada Statale 80 nach L’Aquila hinein, um dort ein Zimmer für die Nacht anzumieten. Das Stadtgebiet war bereits erreicht und der Tacho zeigte um die 40 km/h. Viel und zähflüssiger Verkehr war in beiden Richtungen unterwegs und ich wollte gerade meinen Blick vom Spiegel nach vorne richten, da hörte ich nur noch das häßliche Geräusch des Aufpralls auf den Fiat Panda vor mir. Ich merkte, wie ich nach vorne geschleudert wurde, rücklings auf die Heckklappe des Fiat prallte und wie ein naßer Sack auf die Straße fiel.
Mein Motorrad kam nach dem Aufprall auf seiner linken Seite schräg auf meiner Fahrspur zum Liegen. Ich selbst lag auf dem Rücken mit den Füßen in Richtung Gegenfahrbahn und Kopf zum Straßenrand zwischen Motorrad und dem Fiat. Zwischen den beiden Fahrzeugen war zu der Zeit etwa ein knapper Meter Abstand. Als ich merkte, daß der Fiat langsam rückwärts zu rollen begann, schrie ich und der Fahrer bremste. Zugleich sprang ich auf und brachte mich am Straßenrand in Sicherheit, wo ich dann die ganze Bescherung und mein entsetzlich entstelltes Bike sah.

Glück im Unglück: fast unverletzt

Ich nahm meinen Helm ab und schaute an mir herunter, es war noch alles dran. Ich reckte und streckte mich vorsichtig und merkte dabei, daß ich mir wohl den Rücken und eine Rippe leicht geprellt hatte. Der Reißverschluß der Jacke war aufgerissen und die Hose angescheuert, sonst schien bei mir alles in Ordnung.
Ich hatte unfaßbares Glück, denn wie schon die Tage zuvor war es auch an diesem Nachmittag sehr heiß und hatte deshalb überlegt, die Jacke im Seitenkoffer zu verstauen, um nur im T-Shirt zu fahren. Hätte ich das gemacht, wären wohl mein Brustkorb und Bauchraum aufgeschlitzt worden, als ich beim Aufprall durch das Kunststoff-Windschild meines Bikes mit dem Kopf voran rutschte. Mein nächster Gedanken: Die Weiterreise ist wohl vorbei und Sizilien in weiter Ferne.
Auf den Gedanken mir zu Hilfe zu kommen, oder nachzufragen, ob mir etwas geschehen sei, kam keiner der Beteiligten. Herzlichen Dank dafür!

Unerklärliche Verletzung eines Unfallpartners

Dafür standen mindestens fünf Personen an der Beifahrertür des Fiat Panda, auf dessen rechtes Heckteil ich auffuhr. Der Beifahrer, ein Mann mit geschätzten 60 Jahren, saß noch auf seinem Platz und hielt sich den Kopf. Die Windschutzscheibe hatte auf der Beifahrerseite in der oberen Hälfte einen Sprung. Leider hatte ich nicht darauf geachtet, ob er zu der Zeit noch angeschnallt war. Scheinbar wurde er gegen die Scheibe geschleudert, wie mir eine Frau mit den Händen deutete. Ich bemerkte an seinem Kopf aber weder eine Blutung, Beule, Bluterguß oder Verfärbung. Nanu, dachte ich bei mir: Wenn ich jemandem hinten rein fahre, dann drückt es die Passagiere doch in den Sitz und schleudert sie nicht nach vorne, schon gar nicht wenn sie angeschnallt sind?

Noch mehr Geschädigte?

Dann erst sah ich vor dem Fiat Panda noch drei weitere Autos, die nicht mehr weiterfuhren. Jedes Fahrzeug hatte zu seinem Vordermann einen Abstand von jeweils etwa einen Meter, wie ich mich zu erinnern glaube. An allen Fahrzeugen waren die Stoßstangen mehr oder weniger stark eingedrückt.
Das gibt mir sehr zu denken: Sollte ich mit mit meinem Motorrad und einer Geschwindigkeit von etwa 40 km/h vier Autos aufeinander geschoben haben?

Schnelle Hilfe vor Ort

Bereits nach wenigen Minuten waren Polizei und Rettungswagen vor Ort, die mich und den Beifahrer des Fiat Panda sofort ins Krankenhaus zur Untersuchung brachten. 17 Uhr war es da etwa. Mir wurde eine komplette Untersuchung inkl. Ultraschall und Abtastung des Bauchraumes und Ganzkörper-Röntgen zu teil – kostenlos! Zu meiner Freude stellte der Arzt außer den leichten Prellungen am Rücken und Rippenbogen keine Schäden oder Verletzungen fest. Zur Sicherheit fragte ich bei der Schwester an der Notaufnahme nach, ob eine Rechnung an meine Heimatadresse geschickt werden würde. Die sagte darauf aber: „No, its free!“
Ich vermute, daß mit den diversen Hilfsorganisationen abgerechnet wurde, die nach dem Erdbeben vom April, zwei Monate zuvor, noch mit ihren Mitarbeitern in massenhafter Zahl vorhanden waren. Entsprechend schwierig stellte sich mir deshalb die Zimmersuche dar.

Überraschende Unterstützung bei der Zimmersuche

Es war bereits nach 22 Uhr, als mich der Arzt entließ. Ich bedankte mich bei der Schwester im Zelt der Notaufnahme, die meine Daten bei der Einlieferung aufgenommen hatte und fragte nach einem Hotel, als sie mir mit Gesten und italienischer Sprache andeutete, zu warten. Sie pfiff nach der Besatzung eines Rettungswagens und redete kurz mit denen. Die beiden winkten mich zu sich, verfrachteten mich in ihr Einsatzfahrzeug und fuhren mich zu einem nahen Hotel. Als ich ihnen einen Geldschein in die Hand drücken wollte, winkten sie ab und fuhren von dannen. Ich stand verdutzt da und konnte das gar nicht fassen!
Einige ganze Reihe von Notdienst-Fahrzeugen stand auf dem Parkplatz vor dem kleinen Gebäude. Im Hotel sagte mit der junge Mann am Empfang, es sei alles ausgebucht, als ein älterer Herr aus dem Büro kam, der mich vor das Hotel führte und mich aufforderte, in das hoteleigene Auto zu steigen. Er fuhr mich zum „Canadian Hotel“ in der Stadt, begleitete mich bis zur Rezeption und ich bekam sofort ein Zimmer. Unfassbar!

Vorladung bei der Polizia Stradale zur Aussage des Unfallhergangs

Am nächsten Morgen um 9 Uhr mußte ich bei der für den Unfall zuständigen Polizeidienststelle vorstellig werden, wo lediglich meine Aussage zum Unfallhergang aufgenommen wurde. Glücklicher Weise war dort eine Polizistin mit guten Englischkenntnissen. Ich erhielt weder eine Belehrung in irgendeiner Art, noch wurde ein Bußgeld gegen mich verhängt.
Auf meine Nachfrage bei den Polizeibeamten stellt sich der Unfall wohl so dar, daß ich bei dem Aufprall die Fahrzeuge aufeinander geschoben hätte. Weiter berichteten sie mir auf Nachfrage, daß der Beifahrer des Fiat Panda, der dem Anschein nach mit seinem Kopf gegen die Windschutzscheibe geschleudert wurde, nach der Untersuchung aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Er sei, wie sie sagten, „ok“.
Ich unterhielt mich dank der dolmetscherischen Fähigkeiten der Polizeibeamtin mit den beiden für den Unfall betrauten Polizisten noch eine ganze Weile über den Nationalpark. Dabei erfuhr ich auch, daß beide nebenher auch mit Motorrädern Streife fahren. Vielleicht deshalb ihre bevorzugte und nachsichtige Behandlung.

Erdbebenschäden in L’Aquila

Nach verlassen der Polizeidienststelle fuhr ich mit einem Taxi zu dem Abschleppunternehmen, der den Unfall geräumt hatte. Der Weg führte quer durch L’Aquila, da dessen Firmengelände östlich der Stadt lag. Bei der Gelegenheit konnte ich einige Blicke auf die vom Erbeben in Mitleidenschaft genommenen Häuser nehmen. Der Stadtkern selbst, wo die größte Zerstörung stattfand, war abgeriegelt.

Kein Augenschmaus beim Abschleppunternehmen

Was ich nach der Ankunft beim Abschlepper sah, zeigt obiges Bild. Zum Glück war ich mit den Seitenkoffern unterwegs, die wohl einiges vom Aufprall auf die Straße abgehalten haben. Großartig erschüttert hat mich der Anblick zumindest nicht, Blech kann man schließlich ersetzen.

Unkomlizierte Unterstützung von der Kfz-Versicherung

Ich telefonierte mit meiner Kfz-Versicherung (HUK24) wegen der Überführung meines Bikes und der Rückreise meiner Wenigkeit in die Heimat und füllte das zugefaxte Dokument für den Transporteur aus.
Der wirklich kompetente und freundliche HUK24-Sachbearbeiter fragte noch, ob er die Rückreise organisieren soll. Nein, erklärte ich ihm dankbar, das nehme ich selbst in die Hand. Er meinte noch, ich könne entweder 1. Klasse mit der Bahn nach Hause fahren oder Touristenklasse mit dem Flieger.
Leider zeigte sich das Werkstatt-Fax äußerst störrig und so dauerte es fast zwei Stunden, bis ich von meiner Versicherung das o.k. für die Heimreise bekam. Es wurde beinahe Mittag, bis die Formalitäten abgewickelt waren.

Unverhoffte Hilfe der Beamten der Polizia Stradale

Inzwischen waren die beiden für den Unfall betrauten Polizisten mit ihrem Alfa auf den Hof der Werkstatt gefahren, was mich ein wenig stutzig machte. Freundlich wollte der eine wissen, ob mit der Heimreise alles in Ordnung ginge und alles organisiert sei. Er meinte noch, daß in Kürze ein Bus von L’Aquila nach Rom abfährt, von wo ich nach Hause fliegen könne.
Was soll ich sagen? Die beiden fuhren mich in die Stadt zurück. Und das mit einer Geschwindigkeit, die deutsche Polizisten nicht mal im Einsatz an den Tag legen. Daß die Hupe und die Sirene einige Male zum Einsatz kamen und dort überholt wurde, wo es eigentlich nicht erlaubt ist, muß ich nicht näher erwähnen. Der Fahrer trat dermaßen aufs Gaspedal, daß es mich in den Sitz drückte und ich mir meiner Rückenprellung schmerzhaft bewußt wurde.
Gerade als wir am dem Hotel ankamen, wo der Bus nach Rom seine Haltestelle hat, wollte der gerade abfahren. Zu meinem freudigen Erstaunen setzte der Polizist sein Fahrzeug vor den Bus und blockierte ihn. Während sein Kollege raussprang und an der Rezeption eine Busfahrkarte für mich reservierte, konnte ich mich vom Fahrer verabschieden und meine Klamotten schnappen. Ich bezahlte die 9,50 € für das Ticket, bedankte mich nochmal recht herzlich und bestieg erleichtert den Bus.

Heimreise

Nach etwa zwei Stunden Fahrt war die Endstation im Norden von Rom erreicht. Mit einem Taxi ließ ich mich zum Flughafen fahren, bezahlte knapp 270,- € für einen Linienflug nach München, fuhr dort mit dem Zug nach Ingolstadt und mit einem Taxi nach Hause, das mich gegen gegen 23 Uhr dort absetzte.

Schnelle Sachbearbeiter bei der Kfz-Versicherung

Inkl. der Übernachtung und den vorgestreckten 100,- €, die ich beim Abschleppunternehmer für die Überführung meines Bikes an die von mir genannte Adresse vorstecken mußte, bezahlte ich knapp über 580,- € für meine Heimreise. Diese Auslagen wurden mir dank der zusätzlich abgeschlossenen Ausland-Schadenschutz-Versicherung bei der HUK24 (etwas über 20,- € pro Jahr) innerhalb weniger Tage nach Einreichung der Belege komplett erstattet.
Der ARCD, wo ich zu der Zeit Mitglied war, hätte nur die Hälfte dieser Unkosten beglichen. Auch ein Grund, weshalb ich zum ADAC wechselte.

Fast wie im Märchen

Diese trotz allem äußerst positiven Erlebnisse haben sich ich tatsächlich wie beschrieben zugetragen! Würde sie ein anderer erzählen, ich würde wohl ungläubig den Kopf schütteln.

Teure Zeche: die am Bike getauschten Teile

Trotz überwiegend gebrauchter Ersatzteile kamen dafür beinahe 3000,- € zusammen.

–  Tank Gebrauchtes Original-Ersatzteil
Spiegel links Gebrauchtes Original-Ersatzteil
Lenker Original-Ersatzteil
Lager Lenkkopf Original-Ersatzteil, vorsorglicher Tausch
Lager Vorderrad Original-Ersatzteil, vorsorglicher Tausch
Schutzblech Vorderrad Gebrauchtes Original-Ersatzteil
Gabel komplett Generalüberholtes Original-Ersatzteil
Stahlflexbremsleitungen vorne Neuware
Lampenmaske Gebrauchtes Original-Ersatzteil
Verkleidungsteil oberhalb der Lampenmaske Gebrauchtes Original-Ersatzteil
Ölkühler Gebrauchtes Original-Ersatzteil
Windschild Neuer Vario-Touringscreen von MRA
Verkleidungshalter (Hilfsrahmen) Gebrauchtes Original-Ersatzteil
Halter für Seitenverkleidungsteile Original-Ersatzteil

Update: Diffuse Schuldzuweisung

Bei der letzten Nachfrage im Juni 2011 erfuhr ich von meinem Versicherer, daß der Heckschaden beglichen wurde, den ich am Kfz vor mir verursacht hatte. Nach wie vor streiten sich aber die Anwälte vor Gericht über die Schäden an den Stoßstangen aller vier Fahrzeuge, die sie mir aufs Auge drücken möchten.

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